Ist Wachstum das Ziel?

In der fünfzehnten Sitzung der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ wurden die Streitpunkte aus einer der Untergruppen im Plenum diskutiert. Die zentrale Frage war, ob unsere Gesellschaft in Zukunft wachsen kann und wachsen sollte.

„Wachstum ist kein Ziel“ sagt Professor Paqué. Professor Miegel formuliert es so: „So viel Wachstum wie nötig, so wenig Wachstum wie möglich“. Auf den ersten Blick erscheinen die Positionen in der Kommission nah beieinander. Bei näherer Betrachtung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verständnisses ziehen sich aber tiefe Gräben durch die Kommission.

Eine Gruppe von Kommissionsmitgliedern erachtet Wachstum als essentiell für die Zukunft unserer Gesellschaft. Diese Position wird vornehmlich von Wirtschaftswissenschaftlern vertreten; insbesondere Prof. Paqué verteidigt sie mit aller Vehemenz. Er glaubt, dass Wachstum notwendig ist, um sich neue Technologien (z.B. im Gesundheitsbereich) leisten zu können, um Staatsschulden bedienen zu können, um Arbeitslosigkeit niedrig zu halten und um die Sozialsysteme zu finanzieren. Allgemein sagt er, dass Wachstum die Gestaltungsspielräume unserer Gesellschaft erhöht. Somit ist Wachstum zwar kein Ziel an sich, aber ein unabdingbares Mittel, um viele wichtige Ziele zu erreichen.

Demgegenüber steht eine zweite Gruppe von Mitgliedern, die Wachstum eher für abträglich hält, unter ihnen ist auch Prof. Miegel. Diese sagen nicht explizit (vielleicht auch, weil dies nicht als eine diskutable Position gilt), dass unsere Wirtschaft schrumpfen sollte. Was sie sagen ist, dass für uns wichtige Werte wie Umweltschutz, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Widerspruch zu einer Unterstützung weiteren Wirtschaftswachstums stehen. Und es ist klar, dass sie diese Werte für wichtiger erachten, als zukünftiges Wachstum.

Einer dritten Position nach tendiert unsere Wirtschaft stark dazu, in Zukunft nur noch sehr geringe Wachstumsraten aufzuweisen. Diese Position, insbesondere vertreten von Dr. Reuter, beruft sich auf die sehr niedrigen durchschnittlichen Wachstumsraten reicher Industrienationen in den letzten Jahrzehnten. Es sei sehr schwierig, diesen Trend zu vermeiden und langfristig wahrscheinlich sogar unmöglich. Um hohe Wachstumsraten zu erreichen, müsste die gesamte Wirtschaftspolitik darauf ausgerichtet werden – inklusive Arbeitsmarktderegulierungen, Lohnkürzungen, einer Rücknahme demokratischer Mitbestimmung etc.

Aus dieser Konstellation von Positionen ergibt sich eine überraschende Dynamik in der Kommission. Die Mitglieder scheinen sich in zwei Fraktionen zu unterteilen. Die einen glauben, dass Wirtschaftspolitik auf hohes Wachstum ausgerichtet werden müsste. Mit dieser Position steht Prof. Paqué aber zunehmend allein da. Der Großteil der Mitglieder sieht die Dinge aus einer anderen Perspektive: Die Politik sollte lernen mit sehr niedrigen Wachstumsraten umzugehen und überlegen, wie damit einhergehende Probleme (Bedienung öffentlicher Schulden, Arbeitslosigkeit und die Finanzierung der Sozialsysteme) gelöst werden können.

Es ist zu befürchten, dass sich die Kommission an den unterschiedlichen Standpunkten zerreibt. Da die Mitglieder so unterschiedliche Perspektiven auf die Dinge haben, können sie kaum gemeinsam nach Lösungen suchen. Wenn die Wirtschaftswissenschaftler sich allerdings wider Erwarten darauf einlassen, über eine Situation mit niedrigen Wachstumsraten nachzudenken, dann könnten vielleicht doch noch sinnvolle Impulse aus der Kommission an die (tatsächlich entscheidende) Politik hervorgehen. Ob sie dort Gehör finden würde – insbesondere angesichts starker Lobbyarbeit in Berlin – ist eine andere Frage.

April 2, 2012 |  by  |  Share

2 Comments


  1. In meinen Augen ist die Frage, ob “Wachstum das Ziel” sei, zweitrangig.

    Ich hätte gerne eine Klärung, von diesen zwei Fragen, die ich für existenziell erachte:

    * Funktioniert unsere Wirtschaft ohne Wachstum vernünftig?

    * Ist dauerhaftes Wachstum angesichts endlicher Resourcen überhaupt möglich?

    Alles was ich in den letzten Jahren beobachten konnte, deutet für mich darauf hin, dass beide Fragen mit NEIN zu beantworten sind.

    Ist die Dauerwirtschaftskrise seit 2008 nicht das Zeichen, dass mit Erreichen einer maximalen Ölförderung unsere hochgradig vom Öl abhängige Wirtschaft einfach nicht mehr wachsen kann? Und ist die Euroschwäche nicht eindeutig das Zeichen dafür, dass es ohne Wachstum nicht mehr geht?

    Ich habe auch noch keinen Beweis dafür gesehen, dass Wirtschaftswachstum vom Resourcenverbrauch entkoppelt werden kann. Für mich sieht die Erhöhung der Resourceproduktivität, die in den letzten Jahren in den reichen Industriestaaten als Indikator dafür angesehen wurde, eher danach aus, dass diese Staaten es geschafft haben, den “dreckigen” Anteil des Wirtschaftens an die neuen Werkbänke in Asien zu delegieren. Betrachtet über die gesamte Erde ändert das natürlich nichts an der Abhängigkeit des Wirtschaftswachstums vom Resourcenverbrauch.

    Angesichts dieser Tatsache sehe ich in dem wolkigen Geschwafel vom “grünen Wachstum” nur die Gefahr, dass wertvolle Zeit für eine Anpassung der Wirtschaft an diese Rahmenbedingungen vertan wird, und damit die Gefahr droht, dass in absehbarer Zeit sogar in den (dann ehemals) reichen Industrieländern Menschen verhungern werden.

    Zu einem Menschenwürdigen Leben gehören in meinen Augen: Genügend Nahrung, Schutz vor Witterungsunbillen (Kleidung und ein warmes Bett) und das Leben in überschaubaren Gruppen, die sich gegenseitig respektieren. Ein neues iPhone alle zwei Jahre zählt für mich nicht dazu.

    Wenn wir uns in den nächsten Jahren Gedanken darüber machen, wie diese existenziellen Forderungen auch angesichts zurückgehender Resourceverfügbarkeit erfüllt werden können, dann habe ich sogar die Hoffnung, dass es der Menschheit allgemein weiter besser gehen wird.

  2. @ Steffen:
    Ich denke, die Kommission müsste sich schon über mehr (bzw. hier weniger) als “eine Situation mit niedrigen Wachstumsraten” ernsthaft einen Kopf machen. Niedrige Wachstumsraten kennen wir ja bereits. Die Kommission sollte sich vielmehr überlegen, wie unsere Wirtschaft auch ganz ohne Wachstum oder gar mit einer schrumpfenden Tendenz funktionieren kann. Es ist an der Zeit, dass die Politik aus den, im kleineren Rahmen bereits erprobten, alternativen Wirtschaftsweisen lernt und Aspekte davon auf die bundesweite oder gar globale Ebene überträgt.

    @ ab.er:
    Ich befürchte, es mangelt nicht an konstruktiven Gedanken sondern am politischen Willen.

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