Der schwere Perspektivwechsel

Perspektivwechsel sind immer schwer. Darauf, dass eine fast ausschließlich männlich besetzte Enquete-Kommission feministische Perspektiven berücksichtigt, will eine Gruppe Ökonominnen und Soziologinnen sich nicht verlassen.

Adelheid Biesecker, Christa Wichterich und Ute von Winterfels haben deswegen ein Papier zum Thema „feministische Perspektiven auf Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ geschrieben. Am 26.09.2012 wurde es in Berlin vorgestellt. Geladen hatte die Fraktion Die Linke, gekommen sind fast ausschließlich Frauen. Allein das kann indizieren, dass Fragen der Geschlechtergerechtigkeit längst nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind – und damit wohl auch nicht in der Enquete-Kommission.

Anlass und Diskussionsschwerpunkt des Gesprächs war die Frage, wie die Kommission sich zu den Themen Arbeitswelt, Lebensweise und Konsumverhalten verhält.

Ein nachhaltiger homo oeconomicus?

Grundgedanke des Papiers ist, dass in der Kommission eine Öffnung der Perspektiven nötig ist. Die Autorinnen fordern, dass „think outside the box“ das Motto der Kommission sein muss. Dies gilt nicht nur für Fragen der Wirtschaftstheorien, sondern auch in puncto Geschlechtergerechtigkeit.

Wie ein roter Faden zieht sich eine Kritik am homo oeconomicus durch den Text, dem dominierenden Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften.

Für den homo oeconomicus ist „mehr“ gleichbedeutend mit „besser“ – Wohlstand wird über Güterreichtum und materielle Fülle definiert. Der homo oeconomicus steht in einem Verhältnis zur Natur, in dem es nicht um ein Respektieren von ökologischen Grenzen geht, sondern um ein Verschieben dieser und um ein Beherrschen von Natur. Ausgehend von diesem Menschenbild und dem dazugehörenden Wohlstandskonzept, so die Autorinnen, ist eine nachhaltige Ökonomie nicht denkbar.

Krise der Reproduktion

Die Realität gibt den Autorinnen recht: Im jüngst veröffentlichten Armutsbericht wird das eklatante Scheitern der Politik deutlich. Die soziale Ungleichheit wächst, die Care-, Sorge- und Reproduktionsarbeit ist in der Krise.

Gemeint ist damit die gesellschaftliche Arbeit, die nicht monetär bewertet wird, die Arbeit, die nicht mit Lohn bezahlt wird, sondern in erster Linie das Leben der Menschen ermöglicht. Diese Arbeit wird größtenteils von Frauen, Migrantinnen und illegalisierten Menschen verrichtet. Oft sind sie prekär beschäftigt, oft wird die Arbeit ganz ohne Bezahlung geleistet. Diese Arbeit und die Menschen, die sie verrichten, werden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Und damit auch nicht ihre große Bedeutung für die Gesellschaft. Es fehlt eine öffentliche Debatte über die zukünftige Organisation von Arbeit.

Was sagen die Gewerkschaften?

Sabine Reiner von ver.di war als Rednerin geladen und teilte ihre Vision auf Erwerbsarbeit. Sie fordert eine Aufwertung von Care-Arbeit, gerechte Verteilung von gesellschaftlich notwendiger Arbeit auf Erwerbsarbeit, Hausarbeit und öffentliche Sorgearbeit.

Care-Arbeit soll also zum Teil als Erwerbsarbeit mit gerechtem Lohn verrichtet werden. Zum Teil soll sie privat organisiert werden, allerdings zu gleichen Teilen von Männern und Frauen. Ein dritter Teil soll durch staatliche Institutionen geleistet werden.

Was sagt der Frauenrat?

Kira Stein, Vorsitzende des deutschen Frauenrats, thematisierte die Entwicklung der Arbeit von Frauen. Anteilig arbeiten diese mehr als vor einigen Jahren, allerdings ist die Stundenzahl gesunken. Das liegt daran, dass Frauen oft in prekären Arbeitsverhältnissen und auf Teilzeitbasis beschäftigt sind. Die Verteilung von Arbeit zwischen Männern und Frauen auf die Bereiche unbezahlte und bezahlte Arbeit, sowie Sorgearbeit und Arbeit im technischen/ökonomischen Bereich, hat sich kaum verändert.

Der Frauenrat beobachtet besorgt die Entwickung, dass Care-Arbeit zunehmend privatisiert wird und Lebensbereiche zunehmend ökonomisiert werden. Dies ist problematisch, da Sorgearbeit nicht nach gängiger Effizienzlogik der Märkte organisiert werden kann. Der Versuch, Betreuungs- und Pflegearbeit effizient zu organisieren, also in weniger Zeit zu verrichten, muss scheitern und führt am Ende zu weniger Effektivität. Denn im Bereich Sorgearbeit kann vor allem an einem nicht gespart werden: affektiver Zeit.

Sozial-ökologische Transformation und Geschlechtergerechtigkeit

Nach Analyse der Autorin Christa Wichterich ist Wirtschaftswachstum als markoökonomisches Ziel im Alltagsverstand des akademischen Milieus bereits verworfen. Auch der Frauenrat erklärt: „Das Wachstumsmodell hat sich als falsch erwiesen“. Die Abkehr vom BIP-Wachstum bedeutet für Politiker_innen allerdings ein Vereinbarungsproblem: Wachstum ist nicht weiter erstrebenswert, das gängige Wohlfahrtsverständnis und wirtschaftspolitische Maßnahmen sind aber daran angelehnt.

In den Konzepten zur „Green Economy“ wird auf den Bereich der Care-Arbeit kaum Bezug genommen. Um eine sozial-ökologische Transformation auf Grundlage von Geschlechtergerechtigkeit durchzuführen, braucht es aber eine bewusste Gestaltung des Prozesses, eine demokratischere Struktur und freien Zugang zu Ressourcen für alle Menschen. Was produziert werden soll und welche Technologien eingesetzt werden sollen, muss demokratisch entschieden werden. Es ist ein Unterschied, ob die Umweltbelastung unserer Mobilität durch effizientere Motoren oder car sharing reduziert werden soll. Solche Fragen nach technischen und sozialen Lösungen werden anders entschieden, je nachdem wer sie diskutiert. Frauen müssen sich beteiligen und beteiligt werden.

Wo ist nun die Kommission in der Verantwortung?

Forderungen richten sich vor allem an die Projektgruppe 5. Diese beschäftigt sich mit Arbeitswelt, Konsum und Lebensstilen. Sie sollte in ihrem Abschlussbericht darauf eingehen, welche Auswirkungen die vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen auf Geschlechterverhältnisse und -gerechtigkeit haben.

Zusammenfassend braucht es ein neues Wohlstandsverständnis, das folgende Kriterien erfüllt:

  • Natur und bisher gesellschaftlich unsichtbare Arbeit muss anerkannt werden. Die von beiden geschaffenen Werte müssen begriffen und miteinbezogen werden
  • Gerechtigkeit trägt zu Wohlbefinden bei – verschiedenen Arten der Ungleichheit (class, gender, …) müssen abgebaut werden
  • Prekarisierung muss entgegen gewirkt werden
  • Die Ökonomisierung von Care-Arbeit muss problematisiert werden
  • Verständigung braucht klare Begrifflichkeiten: Care-Arbeit muss definiert werden
  • Die Geschlechterverteilung muss angeglichen werden – nicht nur Frauen müssen in Aufsichtsräte, mehr Männer müssen im Care-Bereich arbeiten

Ein Beitrag, den die Kommission hier leisten könnte, ist den Diskurs über eine Neudefinition von Arbeit und Wohlstand mitzugestalten. Nochmal spannend zu diesem Thema wird es am 15. Oktober, wenn die Ökonomin Adelheid Biesecker vor der Kommission spricht.

Oktober 4, 2012 |  by

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