Die Zukunft der Arbeit

Am Montag, den 15. Oktober, traf sich die Enquete-Kommission zur 22. Sitzung. Thema war die Zukunft der Arbeit, eine zentrale Frage für die Entwicklung von neuen Wohlstandskonzepten. Geladen waren zwei Referent_innen, die unterschiedlicher kaum argumentieren könnten. Ein spannendes Thema, eine vorhersehbar lebhafte Diskussion – trotzdem blieben viele Sitze leer im Plenarraum. Ob einige der Kommissionsmitglieder sich tatsächlich Zeit für Muße genommen haben, statt zur Sitzung zu kommen? Es wäre ihnen gegönnt, ist aber unwahrscheinlich. Wie so viele Arbeitnehmende scheinen auch die Kommissionsmitglieder unter einer hohen Arbeitslast zu leiden.

Die Referent_innen

Adelheid Biesecker, emeritierte Professorin der Uni Bremen und Michael Hüther vom Deutschen Institut für Wirtschaft in Köln hielten Impulsreferate. Sie eine erfahrene Frau, die sich seit Jahren mit den Themen nachhaltige und feministische Ökonomie auseinandersetzt. Für eine Wirtschaftswissenschaftlerin sind das unorthodoxe Themen. Er, ehemals bei der Deka-Bank beschäftigt, ist den klassischen Themen der Volkswirtschaftslehre verhaftet.

Ausgangspunkte: was ist eigentlich Arbeit?

Den Unterschieden der Referent_innen entsprechend, sind die zentralen Thesen verschieden, mit denen beide in die Diskussion gingen. Biesecker geht von der Notwendigkeit aus, dass es ein neues Arbeitsverständnis braucht. Dies müsse über Erwerbsarbeit hinausgehen, um ein gutes Leben für alle Menschen nachhaltig zu ermöglichen. In ihrer Analyse räumt sie Sorgearbeit viel Raum ein. Damit gemeint ist all die Arbeit, die lebenserhaltend und gesellschaftlich notwendig ist, aber außerhalb von Märkten stattfindet. Dieser Teil von Arbeit und Wirtschaft wird von der Ökonomik meist ausgeblendet. Er wird zumeist von Frauen verrichtet und oft unbezahlt geleistet. Sorgearbeit, ebenso wie eine intakte Umwelt sind laut Biesecker Grundlagen für ein Funktionieren der Wirtschaft. Ihr zentrales Anliegen ist dementsprechend eine Neubewertung und eine Neuverteilung von Arbeit. Zukunftsfähig arbeiten heißt für sie, die lebenserhaltende Arbeit an Menschen und Natur anzuerkennen, zu fördern und gerecht zu verteilen.

Hüther dagegen sieht als große Herausforderung für die zukünftige Organisation von Arbeit die demografische Entwicklung. Er bleibt bei seinen Ausführungen, auch nach eigener Einschätzung, im „engen Rahmen der Erwerbsarbeit“.

Diese steht für ihn im Mittelpunkt: „Ist die Erwerbsarbeit leer, ist auch das Private leer.“ So kann er sich nicht auf Bieseckers Argumentation einlassen, dass ein weites Verständnis von Arbeit nötig ist, um vorsorgend zu wirtschaften. Er verharrt in der starren Unterscheidung zwischen Erwerbsarbeit und in der Freizeit geleistetem gesellschaftlichen Engagement.

Weiter so oder Umdenken?

Für Hüther steht die deutsche Exportorientierung noch für ein Erfolgsmodell. Er spricht von einem Höchststand der Beschäftigung und deutet die Zahlen zur Entwicklung im Niedriglohn- und Teilzeitsektor als positiv. Prekarisierung begreift er als Zeichen für gelungene Integration von Menschen mit geringer Produktivität. Zwar nennt er die Vorstellung, dass Zeitarbeit ein zweites Lohnmodell sein könnte, fatal. Als Flexibilisierungselement sei sie allerdings nützlich, führe sie doch zu größerer Stabilität bei der Stammbelegschaft.

Diese Argumentationsweise wiederholt sich in Hüthers Ausführungen. Er sieht die negativen Effekte der jetzigen Wirtschaftsweise: Diskriminierung, Umweltbelastung, Ungleichheit. Ungleichheit und Arbeitsverdichtung begreift er als Resultate des internationalen Wettbewerbs, eine unangenehme Begleiterscheinung der bestehenden Wirtschaftsweise. Da diese Wirtschaftsweise aber für einen Kernbereich, für Deutschland, für Qualifizierte, für Menschen in Beschäftigung funktioniert, hält er an ihr fest. Die Frage nach neuen Wohlstandsmodellen und nach Lebensqualität, die Fragen zu der die Enquete-Kommission also einberufen wurde, stellt er sich nicht.

Handlungsempfehlungen

An die Kommissionsmitglieder gerichtete Handlungsempfehlungen fallen entsprechend ihrer Analysen unterschiedlich aus. Hüther sieht Handlungsbedarf nicht etwa bei den Einstiegsmöglichkeiten für Menschen außerhalb von Erwerbsarbeit, sondern bei Aufstiegsmöglichkeiten, für Menschen, die in Beschäftigung sind. Der Bildungs- und Weiterbildungssektor muss ausgebaut werden – hierin stimmen Biesecker und Hüther überein.

Da Biesecker ein viel radikalerer Wandel vorschwebt, sieht sie noch weiteren Bedarf für Politik und Kommission. Hierbei bezieht sie sich auf das Papier „feministische Perspektiven auf Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“, das sie jüngst mit Wichterich und von Winterfels veröffentlicht hat. Sie formuliert folgende Handlungsempfehlungen:

  • Gesetzlicher Rahmen und Arbeitsbegriff

Neue Formen von Arbeit, wie sie in Gemeinwohlökonomie, Genossenschaften, nicht kommerzieller Sorgearbeit und der Commonsbewegung entstehen, sollen durch eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen gefördert werden.

  • Gerechtigkeit und Verteilung

Einige leiden an zu hoher Arbeitslast, andere sind von ihr und damit von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Deshalb soll die Verteilung von Arbeit gerechter werden. Dazu braucht es Maßnahmen zur Umverteilung, Qualifizierung für Menschen, die keinen Zugang zu Arbeit haben und eine soziale Infrastruktur, wie z.B. Kinderbetreuung.

  • Zeitwohlstand

Biesecker stellt in Frage, dass Erwerbsarbeit das Maß sein sollte, nachdem der Zeitrhythmus aller Menschen ausgerichtet ist. So fange auch die Schule zu Zeiten an, zu denen die Kinder sich nicht konzentrieren können. Biesecker fordert einen gesellschaftlichen Diskurs über Zeit, eine politische Sicherung von kollektiven Zeitrhythmen und eine Verkürzung der Arbeitszeit.

  • Finanzierung und Beteiligung

Ihre Vorschläge zur Finanzierung sind eine Anpassung von Einkommens-, Vermögens-, und Erbschaftssteuern. Arbeit muss weniger belastet werden, Naturverbrauch dafür umso mehr. Umgesetzt und entwickelt werden muss ein Konzept von neuer Arbeit als Teil von einem neuen Wohlstandsverständnis. Dies soll ein gesellschaftlicher Prozess sein, der in Austausch mit der Bevölkerung stattfindet.

Reaktionen aus der Kommission

Auf die Impulsreferate folgte eine lebhafte Debatte. Es wurde viel mit Zahlen gespielt. Der Fall Schlecker diente als eindrucksvolles Beispiel für Geschlechterteilung und Prekarisierung. Die verschiedenen, Weltbilder, die in der Kommission aufeinanderprallen, wurden sehr deutlich, als Hüther sich zu der Aussage hinreißen ließ, dass es in Europa gerade keine Krise gäbe.

Bei so viel Kontroverse wurde dann gleich noch eine Empfehlung für die Einberufung einer Kommission zum bedingungslosen Grundeinkommen ausgesprochen.

Es bleibt also spannend um die Zukunft der Arbeit. Um die Arbeit in der Gesellschaft und um die Arbeit der Kommission.

Oktober 18, 2012 |  by

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