Innovationen fuer was?

Die 20. Sitzung der Enquetekommission befasste sich mit der Rolle von Innovationen für gesellschaftliche Entwicklung – bzw. sollte dies tun. Im Endeffekt ging es fast ausschließlich um deren Rolle für Wirtschaftswachstum – was vor Allem an der Auswahl der eingeladenen Redner_innen lag.

Was alles sind Innovationen?

Dass es mit unserer Wirtschaft nicht so weiter gehen kann wie bisher, weiß man inzwischen, aber in welche Richtung soll sie sich verändern? Es ergibt Sinn, sich mit der Rolle von Innovationen auseinander zu setzen. Innovationen – das sind auch, aber nicht nur, neue Produkte. Computer, Smartphones, Fahrradanhänger für Kinder, Windkraftanlagen wie Atomreaktoren und Spülmaschinen.

All das sind Innovationen. Doch der Begriff umfasst mehr. Zum Beispiel auch neue Methoden um Produkte herzustellen. So war die Idee, ein Produkt nicht mehr komplett an einem Standort zu produzieren, sondern die Einzelteile über die Welt verteilt herzustellen und danach an einem Ort zusammen zu setzen, eine Innovation. Schlussendlich haben Innovationen aber nicht nur mit Produkten und deren Herstellungsweise zu tun, sondern auch mit der Art wie wir uns gesellschaftlich organisieren. Kinder nicht mehr zu Hause zu versorgen und zu erziehen sondern sie in Kindergärten, Schulen und Kitas zu bringen, waren Innovationen. Auch die Idee, sich Autos in Form von Car-Sharing zu teilen, war neuartig, also innovativ.

Innovationen sind also sehr eng mit gesellschaftlicher Veränderung verbunden. Und da sich die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ mit der Frage beschäftigt, in welche Richtung sich die Gesellschaft in der BRD langfristig entwickeln sollte und wie sich das durch neue Ideen umsetzen lässt, ist dieses Thema extrem relevant.

Die Diskussion in dieser 20. Sitzung schneidet auch all diese Dimensionen von Innovationen an, ist aber auf die Frage fokussiert, wie sich wirtschaftliche Innovationen (insbesondere solche, die dazu beitragen, dass deutsche Unternehmen neue Produkte international wettbewerbsfähig herstellen können) unterstützen lassen. Es geht daher vorrangig um die Frage, wie „Wachstum“ erreicht werden kann, während „Wohlstand“ und „Lebensqualität“ nur an der Oberfläche diskutiert werden.

Innovationen aus Sicht eines Lobbyisten

Grund hierfür ist aus meiner Sicht in erster Linie die Ausrichtung der externen Vorträge. Der erste Redner war Dr. Bernhard Rohleder von BITKOM, der „Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien“. Dies ist ein Lobbyverein, der die Interessen der deutschen Unternehmen aus diesem Sektor vertritt. Wenn man dies weiß (Rohleder räumt das auch offen ein), sind seine Positionen auch wenig verwunderlich. Für ihn ging es in erster Linie darum, unter welchen Umständen Unternehmen neue Produkte erfinden und wie sie diese im internationalen Wettbewerb absetzen können.

Was die mögliche Rolle des Staates hierbei angeht, unterscheidet er zwischen einem US-amerikanischen und einem chinesischen Modell. Ersteres ist aus seiner Sicht durch einen freiheitlichen Rechtsrahmen, viel Risikokapital, eine ausgeprägte Unternehmenskultur und Eliteuniversitäten gekennzeichnet. Überspitzt gesagt entwickeln hier visionäre Unternehmer_innen gemeinsam mit hochqualifizierten Wissenschaftler_innen neue Produkte und bekommen das nötige Kapital von risikobereiten Anleger_innen. Das Ganze funktioniere, weil ihnen hierbei viel Freiheit gelassen werde und sie einen Großteil des Gewinns selbst behalten dürften und sich deswegen das Risiko lohne.

Demgegenüber steht laut Rohleder das chinesische Modell, dass von staatlicher Industriepolitik, günstigen Staatskrediten und einer Innovationsplanwirtschaft geprägt sei. Die chinesische Regierung ermittele Schlüsselindustrien, die es zu unterstützen gelte, um das Wachstum voran zu treiben und unterstütze diese durch Kredite, Subventionen oder direkte Investitionen. Hierbei sei zu beobachten, dass zunächst die erfolgreichsten Methoden aus aller Welt imitiert und danach weiterentwickelt würden.

Innerhalb der BRD sieht Rohleder keine konsistente Innovationsstrategie. Er plädiert insbesondere für (1) eine Ausrichtung des Bildungssystems auf die Qualifikation junger Menschen für die Wirtschaft, (2) eine vorteilhafteren Behandlung von „Wachstumskapital“ (also niedrigere Kapitalbesteuerung) und (3) langfristig sichere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. Alles in allem gab er einen interessanten Einblick in die Innovationsbedingungen der IT-Branche. Es ist allerdings fraglich, ob aus diesem Einblick wichtige Erkenntnisse für die Arbeit der Enquete-Kommission gezogen werden sollten – die sich ja nicht nur mit dem (unidimensionalen) Wachstum einer Branche sondern mit der multidimensionalen Entwicklung der gesamten Gesellschaft beschäftigt. Vielleicht ist Rohleder – vor Allem in seiner Rolle als Lobbyist der Kommunikationsbranche – nicht die richtige Person um der Kommission bei ihrer Aufgabe zu helfen.

Welche Innovationen wollen wir?

Die zweite Rednerin war Prof. Birgit Blättel-Mink, Professorin für Industrie- und Organisationssoziologie in Frankfurt. Sie behandelte ein für diese Kommission zentrales Thema: Die Frage für sie sei nicht, wie Innovationen zu höherem Wachstum sondern zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung führen können. Konkrete Vorschläge, wie dies zu erreichen ist, blieben allerdings aus. Sie sprach an, dass Unternehmen, die sich im Sinne einer Corporate Social Responsibility der Nachhaltigkeit verschrieben haben, auch wirtschaftlich gut abschneiden. Somit beschäftigte sie sich im zweiten Teil ihres Vortrags doch wieder mit der Frage, wie Innovationen Wachstum unterstützen können und bliebt eine Erklärung schuldig, wie sie zu einer wirklich nachhaltigen Entwicklung beitragen könne.

Somit würde ich mich der Meinung des Kommissionsmitglieds Prof. André Habisch anschließen, der als Kommentar zu beiden Redner_innen sagte, im fehle „eine Perspektive, die auf die Innovationskraft von Zivilgesellschaft im weitesten Sinne“ abzielt. Denn die Kommission hat eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung im Auge, die eben nicht nur durch Wachstum sondern durch Wohlstand, Lebensqualität und ökologische Nachhaltigkeit gekennzeichnet sein sollte. Dann aber sollte man nicht wieder in alte Denkmuster verfallen und nur über Innovationen für Wachstum sprechen. Stattdessen müssten die Rolle von Innovationen für den gewünschten gesellschaftlichen Wandel besprochen werden. Diese Perspektive sind die beiden Redner_innen größtenteils schuldig geblieben und so konnte auch die anschließende Diskussion dieser Sitzung nur leicht am eigentlich interessanten Themengebiet kratzen.

Juli 10, 2012 |  by

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