Nachhaltiger Konsum?

Interessantes Thema, schwache Beteiligung

In ihrer 25. Sitzung diskutiert die Enquetekommission über nachhaltigen Konsum. Während Einigkeit über die Notwendigkeit von Steuerung für einen nachhaltigeren Konsum herrscht, unterscheiden sich die Bewertungen über die Rolle des Konsums in der Gesellschaft deutlich. Vage bleibt außerdem, was die Beteiligten unter nachhaltigem Konsum verstehen.

Sachverständige sind Prof. Dr. Lucia Reisch, die an der Copenhagen Business School den Bereich der Konsumforschung und Verbraucherpolitik vertritt, und Prof. emerit. Friedhelm Hengsbach, der sozialethische Fragen behandelt. Witterungsbedingt fällt die Teilnahme gering aus, die Mitwirkung von Mitgliedern der Regierungskoalition ist auch in den Projektgruppen schwach, die Vorsitzende der Enquetekommission Daniela Kolbe (SPD) mahnt Besserung, da die Arbeit der Kommission dadurch erschwert werde.

Nachhaltiger Konsum aus der Perspektive der Konsumforschung

Die erste Rednerin Prof. Dr. Reisch, die per Telefon zugeschaltet wird, betrachtet vor allem die Mikroebene. Ergebnisse der Verhaltensökonomik aufgreifend betont sie, dass Kaufentscheidungen mehrheitlich emotional und von Gewohnheiten sowie Verhaltensstarren bestimmt sind. Kognitive Erwägungen spielen nur bei einer Minderheit der Entscheidungen eine Rolle. Ein oftmals falscher Umgang mit Wahrscheinlichkeiten, ein starker Fokus auf die Gegenwart, ein knappes Zeitbudget und leichte Beeinflussung durch kontextuelle Einflüsse sind zentrale Argumente für die Rednerin gegen die Vorstellung eines mündigen Konsumenten, der Konsumentscheidungen überlegt fällt.

Daher plädiert Prof. Dr. Reisch für einfachere Siegel, mehr Verbraucherbildung, eine präzise Ansprache von Zielgruppen und einen einfacheren Zugang zu nachhaltigem Konsum. Des Weiteren hofft sie auf eine nachhaltige Produktion ohne staatliche Vorgaben. In den Aufgabenbereich des Staates fallen jedoch unter anderem Verbote geplanter Obsoleszenz sowie Maßnahmen für eine Internalisierung von externen Kosten.

Auf Nachfrage indes sieht sie keine Möglichkeit durch nachhaltigeren Konsum die Lebensqualität bei höchstens Nullwachstum zu steigern. Hindernisse sind ihrer Meinung nach soziale Verwerfungen, die bei einem Strukturwandel entstünden und nicht von der Gesellschaft getragen würden. Ebenso sieht sie keine Möglichkeiten das Leitbild der westlichen Konsumkultur entscheidend zu verändern. Die zentrale Bedeutung des Konsums in der Gesellschaft wird von Prof. Dr. Reisch nicht in Frage gestellt. Ihre Ideen bleiben in einer vom Konsum geprägten Welt verhaftet.

Nachhaltiger Konsum aus der Perspektive der Sozialethik

Der zweite Redner Prof. emerit. Friedhelm Hengsbach hingegen beginnt seinen Vortrag mit einem Plädoyer für eine starke Regelethik mit Gerechtigkeit als zentraler Kategorie. Tugendethische Ansätze, in denen individuelle Verantwortung gefordert wird, laufen Gefahr in der dominierenden neoklassischen Mikroebene zu verharren. In diesem wirtschaftlichen Paradigma ist Konsum Endzweck. Alle anderen Dinge werden für den Konsum instrumentalisiert. Arbeit bleibt ohne Selbstwert und Zeit ohne Eigenwert. Asymmetrische Machtverhältnisse auf Märkten sind die Regel. Daher fordert der Redner eine Diskussion über öffentliche Güter, die den Gegenpol zu privatem Konsum bilden. Aktuell komme der Staat seiner Aufgabe, mit Steuern öffentliche Güter wie Bildung und Gesundheit bereitzustellen, nur unzureichend nach.

Den privaten Konsum sieht Prof. Hengsbach durch mediale Werbung, ein hohes Tempo bei Innovationen, einen hohen Verschleiß und Verteilung von Wohlstand gesteuert. Zahlreiche politische Interventionen schlägt er vor:

  • Greenwashing und Werbung verbieten
  • regionalen Konsum und Energiesparen stärken
  • Exportorientierte und Ressourcen verbrauchende Industrien reduzieren
  • mehr Transparenz über die tatsächlichen Kosten von Konsum, Mobilität und Energie herstellen
  • die Güterproduktion mit einem Baukastensystem an einer langen Produktlebensdauer orientieren
  • die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung um den Rohstoffkreislauf und die Zeitrechnung ergänzen.

Bei den zahlreichen Nachfragen kritisiert der Redner die Nachteile für Frauen im Hinblick auf die Zeitautonomie, die sich in einer schlechteren Bezahlung bei Erwerbsarbeit und mehr Arbeit im Haushalt zeigen. Außerdem wird die Wichtigkeit einer Gegenöffentlichkeit für das Erreichen der Forderungen hervorgehoben. Ideen zur Förderung dieser Gegenöffentlichkeit werden nicht genannt.

Die Diskussion wird der Größe der Herausforderungen nicht gerecht

Insgesamt macht Prof. Hengsbach deutlich, dass für ihn nachhaltiger Konsum nur in einer Gesellschaft möglich ist, die sich nicht bloß über den Konsum selbst definiert und hebt die Rolle des Staates dabei sehr hervor. Prof. Reisch hingegen bleibt bei ihrer Darstellung in einer konsumgeprägten Gesellschaft. Leider bleibt eine Kontroverse zwischen diesen beiden doch gegenteiligen Personen aus.

Beide Redner_innen klären ihr Verständnis eines nachhaltigen Konsums nicht deutlich. Dadurch bleibt unklar, welches genaue Ziel die verschiedenen Vorschläge bezwecken sollen. Bedeutet nachhaltiger Konsum bloß den Kauf von mehr Bioprodukten? Oder erfordert nachhaltiger Konsum auch die Reduktion des Konsums selbst? Angesichts der Größe der ökologischen Probleme (Stichwort Klimawandel und Rohstoffknappheit) bleiben die Beiträge hinter den Erfordernissen zurück. Wie Konsum so gestaltet werden kann, dass durch ihn nicht die ökologischen Grenzen überschritten werden – Diskussionen und Antworten darauf bleiben in dieser Sitzung der Enquetekommission aus.

Dezember 14, 2012 |  by

1 Comment


  1. Ich beobachte die Arbeit der Enquete ebenfalls seit einiger Zeit, und muss feststellen, dass die 25. Sitzung eine der langweiligsten war die ich bislang sah. Wie Sie sagen, es wurden zwei Standpunkte vertreten, die man aber nicht nebeneinander stehen lassen kann. Doch das störte die Anwesenden nicht, die überhaupt sehr orientierungslos waren.

    In ihrer Kritik hier schreiben sie: »Angesichts der Größe der ökologischen Probleme (Stichwort Klimawandel und Rohstoffknappheit)«. Hier muss ich Sie korrigieren, gerade die Arbeit der Enquete hat deutlich gemacht, dass Rohstoffe kein Knappheitsfaktor sind. Ich finde diese Darstellung ihrerseits sehr bedenklich, weil sie wider besseren Wissen erfolgt ist, und nur eine liebgewonnene Argumentation darstellt, von der sie sich nicht trennen können. Aus welchen Gründen auch immer.

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